ALLGEMEIN
Inselzeit – Cappuccino, Strandwanderungen und eine verbrannte Waffel
Veröffentlicht am 13. Juni 2026
Zwei Wochen Spiekeroog liegen nun hinter mir, und langsam komme ich an – nicht nur räumlich, sondern auch innerlich. Die Beine werden widerstandsfähiger, die Abläufe sitzen, und ich beginne, den Rhythmus der Insel als meinen eigenen zu empfinden. Höchste Zeit also, euch einen Einblick zu geben, wie mein Alltag hier eigentlich aussieht und was einen so alles erwarten kann, wenn man beschließt, auf einer Nordseeinsel zu arbeiten.
Ein typischer Arbeitstag im Frühstücksdienst
Wer um 7:00 Uhr Dienst hat, bereitet alleine alles für das Buffet vor: Licht und Musik einschalten, den Samowar mit Teewasser anstellen, die Kaffeemaschinen und das Waffeleisen hochfahren, Filterkaffee kochen, Milchkännchen vorbereiten. Dann kommt die Blumendeko auf die Tische, die Wasserkaraffen werden gefüllt, die Saftkaraffen aufgefüllt, passendes Besteck auf die Wurst-, Käse- und Fischplatten gelegt und die Obstteller für die Neuankömmlinge des Tages fertiggestellt. Jedes Zimmer bekommt nämlich zur Begrüßung einen kleinen Obstteller.
Ab 8:00 Uhr dürfen die Gäste zum Frühstück kommen. Nicht früher. Auch Gäste wollen erzogen werden. 😉 Wenn dann drei oder vier Tische gleichzeitig erscheinen, was besonders um Punkt 8:00 Uhr gerne passiert, wird es kurz hektisch. Danach trudeln die meisten versetzt ein, und die Lage entspannt sich. Die Gäste bedienen sich am Buffet selbst; wir Servicekräfte bringen Kaffeegetränke und Eierspeisen an den Tisch. Das heißt: hingehen, Zimmernummer erfragen, Bestellung aufnehmen, liefern, weitergehen. Und zwischendurch immer wieder prüfen: Sind die Karaffen noch voll? Ist genug Saft da? Braucht das Buffet Nachschub? Bei Letzterem hilft glücklicherweise die Küche mit. Außerdem melden wir in der hotel-internen WhatsApp-Gruppe, welche Zimmernummern beim Frühstück sind, damit die Zimmermädchen wissen, welche Räume sie schon reinigen können.
Um 11:30 Uhr ist Schluss. Der Text „Frühstück" geht in die WhatsApp-Gruppe, und dann kommen alle anwesenden Mitarbeiter zusammen, um die Reste des Buffets aufzuessen. Wobei: Die Reste sind so üppig, dass selbst wir das nicht immer schaffen. Zum Frühstück und den ganzen Tag über gibt es für alle Mitarbeiter Kaffee satt. Am Vollautomaten oder an der Filtermaschine. Cappuccino, Latte Macchiato, Espresso, Kaffee Crema, Kakao. Ich glaube, ich habe noch nie in meinem Leben so viel Kaffee getrunken wie hier.
Ab 12:00 Uhr räumen wir das Buffet auf. Sekt, Biomilch und Sanddornsaft kommen in den Kühlschrank, die Brotecke wird von Krümeln befreit, der Samowar aufgefüllt, das Waffeleisen gereinigt, die Kaffeemaschinen gereinigt, die Blumendeko weggeräumt. Obst wird für den nächsten Tag gewaschen und hergerichtet. Zum Schluss wird der Frühstücksraum gesaugt. Das alles dauert bis etwa 14:30 Uhr und dann beginnt das Terrassengeschäft.
Auf der Terrasse gibt es, sofern das Wetter mitspielt, Kaffee und Kuchen, aber auch eine Terrassenkarte mit Gerichten wie Flammkuchen oder Backfisch, dazu eine Eiskarte. Für diesen Dienst kommt ab 14:00 Uhr ein „frischer" Mitarbeiter dazu.
Offiziell arbeite ich acht Stunden täglich. Tatsächlich hatte ich das bis jetzt erst viermal. Da das Wetter oft mäßig war und das Terrassengeschäft entsprechend ruhig, wurde ich öfter früher nach Hause geschickt. An den ersten Tagen war mir das durchaus recht: Das lange Stehen und Gehen ist für mich ungewohnt und anstrengend. Meine durchschnittliche Schrittzahl der letzten Woche? 13.000. Das ist ungefähr doppelt so viel wie zu Hause. Und die richtig heftigen Tage kommen erst im Juli und August.
Kuriositäten aus dem Hotelalltag
Kein Arbeitstag gleicht dem anderen und manchmal sorgt das Unerwartete für kleine Höhepunkte:
Die schwarze Waffel. Ein Kind hatte seine Waffel im Waffeleisen vergessen. Irgendwann machte sich ein verdächtiger Geruch bemerkbar – ich dachte, er käme aus der Küche, und ordnete ihn falsch zu. Als ich dann nachschaute: kohlrabenschwarz. Das Waffeleisen hatte ganze Arbeit geleistet. Die versalzene Crème brûlée. Ein Gast merkte an, dass die Crème brûlée sehr seltsam schmecke. Ich probierte – und tatsächlich: Der Koch hatte offenbar Zucker und Salz verwechselt. Nicht essbar. Alle verbliebenen Portionen wanderten in den Müll.
Interessantes über Spiekeroog: Eine Insel, die wächst
Vor rund 300 Jahren war Spiekeroog noch deutlich kleiner als heute. Erst durch die Verschmelzung mit den Inseln Lütjeoog und Oldeoog sowie das Eindeichen der Harlebucht erhielt sie ihre heutige Größe und Form. Die Ostfriesischen Inseln sind überhaupt erst vor etwa 5.000 Jahren aus windgetriebenen Sandbänken entstanden und wandern seither durch Gezeitenströmungen und Westwinde langsam von Nordwest nach Südost. Erst der Küstenschutz zu Beginn des 20. Jahrhunderts bremste diese Bewegung. Um die Dünen zu befestigen, bepflanzten die Insulaner sie mit Gräsern, später kamen kleine Wäldchen hinzu. So wurde aus der Sandbank die „Grüne Insel". Zwei Drittel stehen heute unter Naturschutz. Die Insel, auf der ich gerade meine Schrittrekorde breche, hat also eine ziemlich bewegte Vergangenheit.
Meine letzte Woche in Kürze
Sonntag – Über 50 Frühstücksgäste, vier Gruppen, Tische im Vorfeld zusammengeschoben. Hat alles gut geklappt. Danach Lebensmittel online bei Müller bestellt. Die Insel-Supermärkte sind recht teuer, da lohnt sich die Lieferung.
Montag – Erster Frühstücksdienst alleine, gut gelaufen. Nachmittags auf der Terrasse mitgeholfen, Einführung in Kasse und Zapfanlage. Der Chef hatte Geburtstag und lud alle auf Torte ein. Abends Musikvereinsprobe. Wir üben für einen Auftritt beim Feuerwehrfest Mitte Juli.
Schrittrekord des Tages: 20.150.
Dienstag – Zweiter Allein-Frühstücksdienst, etwas stressig. Danach noch eine Stunde im Terrasenservice. K.o., aber zuversichtlich.
Mittwoch – Freier Tag mit Regen, Blitz und Donner. Dafür Cappuccino und die legendäre Mohnschnecke im Café Backdeck. So groß, dass ich ein Drittel eingepackt habe.
Donnerstag – Endlich Sonne! Dünenspaziergang durch Dünengärten und Inselwäldchen. Meine Orientierung führte mich irgendwann eigenwillig an den Strand. Auch schön. Unterwegs eine Bücherkiste in einer alten Telefonzelle entdeckt, zwei Bücher mitgenommen. Abends heimlich Saxophon geübt – Handtuch ins Sax, möglichst leise.
Soundkulisse am Strand
Ton aufdrehen!