ALLGEMEIN
"Das Geheimnis des Glücks ist die Freiheit, das Geheimnis der Freiheit aber ist der Mut."
-Thukydides-
Veröffentlicht am 13. Juni 2026
Autofrei – aber nicht wirklich
Spiekeroog ist eine autofreie Insel. Keine Motoren, kein Hupen, kein Abgas. Eigentlich der perfekte Ort, um das Auto komplett aus dem Kopf zu verbannen. Eigentlich.
Denn bevor ich hier ankam, habe ich mein Auto noch schnell in die Werkstatt gegeben – damit meine Tochter es in meiner Abwesenheit nutzen kann. Es hatte schon seit einer Weile komische Geräusche gemacht beim Gasgeben im fünften Gang, und ich hatte gebeten, das gleich mit zu checken. Was dann folgte, war eine verzögerte Diagnose, ein vermuteter Getriebeschaden, ein bestätigter Getriebeschaden – und eine saftige Rechnung, die mich Ende des Monats erwartet. Glücklicherweise übernimmt meine Tochter den Werkstatttermin für mich. Ich bin ihr sehr dankbar dafür.
Also sitze ich hier auf einer Insel ohne ein einziges Auto – und beschäftige mich trotzdem gedanklich immer mal wieder damit. Das Leben hat manchmal einen seltsamen Sinn für Humor.
Aber wenn ich ehrlich bin: Sobald ich die Tür hinter mir zumache und losgehe, ist das alles weit weg.
Mein Arbeitsweg dauert keine fünf Minuten – ihr könnt das im Video selbst sehen. Wer es von Anfang bis Ende schaut, bekommt übrigens ein sehr gutes Gefühl für die entschleunigende Wirkung Spiekerooogs: Es passiert nämlich nicht viel. Ich filme einen weitgehend leeren Weg – und das war’s. Ich vermute, dass viele nicht die Geduld aufbringen werden, bis zum Ende dranzubleiben. Aber vielleicht ist genau das die Botschaft.
Der Weg zum Strand und zum Hafen ist in einer Viertelstunde geschafft, der Supermarkt liegt genauso nah wie das Probelokal des Musikvereins, bei dem ich mitmache. Alles Wichtige ist fußläufig erreichbar. Wer länger auf der Insel lebt, hat oft ein Fahrrad – praktisch vor allem, wenn man etwas transportieren möchte. Aber da ich hier nur für mich selbst einkaufe, fehlt mir kein Transportmittel. Der Spruch "Was man nicht im Kopf hat, hat man in den Beinen" bekommt hier allerdings eine tiefere Bedeutung.
Was ich am meisten genieße? Die Stille. Kein Verkehrslärm, keine Abgase – einfach saubere Luft und Ruhe. In diesen Momenten merke ich: Das Auto vermisse ich hier kein bisschen.
Auch wenn es mich gerade trotzdem beschäftigt.
Interessantes über Spiekeroog: Herkunft des Namens
Erstmals urkundlich erwähnt wurde Spiekeroch 1398, trägt also – etwa im Gegensatz zu Norderney – seinen Namen bereits seit dem Spätmittelalter. Zur Herkunft des Insel- und Ortsnamens gibt es mehrere Hypothesen, von denen noch keine bewiesen ist. Eindeutig ist lediglich der zweite Teil des Namens Spieker-Oog: Bei „Oog“ handelt es sich um ein niederdeutsches Wort für Insel, das jedoch nur in Kompositaverwendet wird (im anderen Fall würde von „Eiland“ gesprochen werden).
Der erste Namensteil entspricht sowohl dem niederdeutschen Wort für Speicher als auch für Nagel. Arend Remmers weist in seinem Standardwerk über die ostfriesischen Ortsnamen darauf hin, dass der Name ähnlich wie bei der Nachbarinsel Langeoog der Inselform nach gewählt worden sein könnte, was angesichts der länglichen Ausprägung der Insel für den Vergleich mit dem Nagel spräche. Eine ältere Deutung will einen Zusammenhang mit dem altniederdeutschen Wort „specke“ erkannt haben, wobei es sich um Buschwerk handelt. Dies sei dann als Hinweis auf die Befestigung der Insel zu verstehen. Diese Hypothese lehnt Remmers jedoch wegen des nicht erklärten Suffixes -er ab.
Quelle: Wikipedia
Was sonst noch geschah in der letzten Woche
Fünf Arbeitstage am Stück – das klingt nicht nach viel, aber wenn man bedenkt, dass man dabei täglich zwischen 13.000 und 18.000 Schritte zurücklegt, fühlt es sich manchmal an wie ein Halbmarathon im Frühstückskittel. Am fünften Tag war ich schon froh bei Dienstschluss und auf die Aussicht auf zwei freie Tage. Schön war es trotzdem: Zwei Gästepaare haben sich besonders herzlich verabschiedet, und der Chef meinte beim Frühstück, er finde es gerade sehr angenehm im Team. Anscheinend war das nicht immer so. Ich nehme das mal als indirektes Kompliment und freue mich still.
Der erste freie Tag begann um 7:40 Uhr im Hallenbad. Das Schwimmen im salzhaltigen Wasser ist nach wie vor ein schwebendes Gefühl. Danach: Birchermüsli, Putzen, Einkaufen in beiden Edekas (kleiner Edeka = günstiger, großer Edeka = teurer, aber mehr Auswahl) und eine kurze Runde Websitearbeit am Nachmittag. Klingt unspektakulär, war aber herrlich. Zwischendurch zum Essen 2 Spiegeleier mit Baked Beans (mein neues Lieblingsessen, da einfach zu machen und halbwegs gesund).
Dann kam der Donnerstag und damit der erste Tag dieser Saison, an dem ich keine Jacke gebraucht habe. Ein historischer Moment. 21,7 Grad, und ich bin tatsächlich im T-Shirt losgezogen.
Auf dem Programm stand die Alte Inselkirche, die sehr hübsch ist und eine interessante und abwechslungsreiche Geschichte hat – wäre da nicht eine energiegeladene Person vor dem Eingang gewesen, die lautstark gequatscht hat. Man hat jedes Wort noch drin gehört. Ich bin dann lieber weitergeschlendert, zur Packstation (ein großes Glas für die Kombucha-Herstellung will abgeholt werden) und in die Kogge (Touristeninformation), wo im zweiten Stock ein kurioses Muschelmuseum auf mich gewartet hat. Muscheln aus fast allen Regionen der Welt – erstaunlich, was für Formen und Farben es da gibt.
Was ich sonst noch vermisse auf der Insel (außer meinen Kombucha)? Meine Wärmflasche (kaufe ich mir aus Prinzip nicht, da es offiziell Sommer ist), ein scharfes Küchenmesser (hab mich ans hiesige gewöhnt) und das Eiscafé Venezia aus Mitterfelden (leider nicht teleportierbar). Den Kombucha aber kann ich selbst machen. Tee ist gekocht, der Ansatz steht. Jetzt heißt es sieben Tage warten.
Demnächst kommt der erste Besuch: Simone und Björn mit Hund übernachten Ende Juni hier, und Yvonne kommt Anfang Juli. Ich freue mich schon!