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Letzter Blog: Was bleibt von drei Monaten Spiekeroog

Drei Monate Wind, Weite und Wachwerden – heute ziehe ich Bilanz. Was hat mir gefehlt, was werde ich vermissen, und was nehme ich mit nach Hause?

Veröffentlicht am 31. Juli 2026

Heute ist es soweit: Das ist mein letzter Blogartikel von der Insel. Zeit, ein Fazit zu ziehen.

Zuerst aber ein Dankeschön. Es hat mich richtig gefreut, wie viele von euch an meinem kleinen Abenteuer Anteil genommen haben – und euer Feedback war es auch, das mich immer wieder ans Schreiben gebracht hat, wenn ich nach einer anstrengenden Service-Schicht eigentlich lieber die Augen zugemacht hätte.

Die letzten Wochen
Mitte bis Ende Juli hatten wir alle nur einen freien Tag pro Woche. Ich habe ihn meist zur Erholung genutzt und wenig auf der Insel unternommen – der Blick aus meiner Personalunterkunft geht direkt in die Dünen und den Himmel, und ehrlich gesagt ist Zuhausebleiben, wenn "Zuhause" gerade so aussieht, auch keine Strafe. Inzwischen ist Personalverstärkung angekommen, und wir haben wieder zwei freie Tage pro Woche.

In meiner letzten Woche hier besucht mich noch eine Freundin aus Köln. Falls sie mitzieht, würde ich mit ihr gerne einmal in den Ostteil der Insel wandern – dort soll man Seehunde sehen können, allerdings beträgt der Weg hin und zurück rund fünf Stunden. Allein wollte ich diese Strecke nie in Angriff nehmen, aber die Robben würde ich zu gerne noch sehen. Das steht also noch auf meiner Liste.

P.S. In dem Video sieht man einen riesigen Scharm Möwen über der Straße des Hotels.

Was mir gutgetan hat
Die Autofreiheit, die Nähe zur Natur, die frische Luft, das Rauschen des Windes in den Blättern – all das hat für eine Entschleunigung gesorgt, die sich wie eine innere Ruhe anfühlt. Dazu kommt der Luxus, wirklich alles zu Fuß erreichen und erledigen zu können.

Ich habe neue Menschen kennengelernt. Und ich habe gemerkt, was Menschen leisten, die dauerhaft in der Gastronomie arbeiten – vor allem die überwiegend weiblichen Kolleginnen, die tagtäglich den Knochenjob Housekeeping stemmen. Respekt.

Am meisten überrascht hat mich, wie gut mir die zusätzliche Bewegung und die Entschleunigung körperlich getan haben. Meine jahrelangen Verspannungen sind weg. Keine Schulter-Nacken-Verspannung mehr, keine Schmerzen im rechten Arm. Sogar das Knacken in meinem linken Knie, das mich seit einem halben Jahr bei jeder Treppe begleitet hat, ist verschwunden.

Worauf ich mich freue
Gleichzeitig ist mir hier sehr bewusst geworden, was ich zu Hause eigentlich habe. Meine Kinder und meine Eltern in der Nähe. Meine Küche, ganz auf meine Bedürfnisse eingerichtet – ich freue mich jetzt schon auf meine erste selbstgemachte Linsen-Gemüse-Bowl mit Halloumi. Ohne Backofen bin ich hier kulinarisch doch spürbar eingeschränkt, und den fehlenden Thermomix erwähne ich lieber gar nicht erst.

Auch meine musikalischen Weggefährtinnen und Ensembles habe ich vermisst. Besonders bei meinem Saxophonquartett "Fortissimo" ist mir aufgefallen, wie eingespielt wir mittlerweile sind, wie sehr wir aufeinander hören und aufeinander eingehen. Das macht das Musizieren nicht nur für uns, sondern auch fürs Publikum spürbar besser.

Und dann meine Arbeitsstelle zu Hause, mit langjährig geschätzten Kolleg*innen und Chefs, bei der ich recht frei arbeiten kann und mir vertraut wird. Kreative statt körperliche Arbeit, geregelte statt planlose Zeiten. Hier im Hotel bekommen wir sonntagnachmittags den Plan für die kommende Woche – Planungssicherheit sieht anders aus. Zu Hause landet das Gehalt verlässlich zum Monatsende auf dem Konto, inklusive Lohnzettel. Ich habe das immer für selbstverständlich gehalten. Ist es nicht.

Nicht zuletzt: das kulturelle Angebot und die Einkaufsmöglichkeiten. Gerade läuft ein Film in den Kinos, den ich mir gerne ansehen würde – hier auf der Insel natürlich Fehlanzeige. Genauso fehlen hochwertige Konzerte und, ganz profan, Ärzte, Zahnärzte und Friseure in der Nähe. (Die habe ich zum Glück alle nicht gebraucht!)

Was ich mitnehme
Ich hoffe, dass ich diese Erfahrungen mit nach Hause nehme und es schaffe, etwas mehr Entschleunigung, Entspannung und Bewegung dauerhaft in meinen Alltag einzubauen. Und zu Hause wartet auch schon das nächste Projekt: mein eigenes Unternehmen anzukurbeln.

Ich bin sehr froh, dass ich dieses Erlebnis auf dieser besonderen Insel machen durfte. Eine Erkenntnis nehme ich besonders mit: Man kann seinen Problemen nicht davonlaufen. Man kann sie eine Weile verdrängen, aber sie kommen zurück. Ich habe drei Monate lang ein anderes Leben geführt, und jetzt kehre ich in mein normales zurück. Zu Hause hat sich nichts verändert – aber ich schaue mit einem anderen Blick darauf und hoffe, dass ich das Gelernte anwenden kann. Der Satz "Das Glück ist in einem selbst" klingt einfacher, als er ist. Aber wenn man gesund ist, entscheidet meist nicht die äußere Situation darüber, ob man zufrieden ist oder nicht.

Wissenswertes über Spiekeroog
Waldbrände sind auf der Insel eher kein Thema – anders sieht es beim steigenden Meeresspiegel aus. Für die niedersächsischen Küsten rechnet der Weltklimarat (IPCC) mit einem Anstieg von 60 bis 110 Zentimetern bis zum Jahr 2100, worauf das Land seine Küstenschutzstrategie ausrichtet. Simulationen der HafenCity Universität Hamburg zeigen sogar, dass Spiekeroog wegen seiner besonders tief liegenden Bereiche unter den Ostfriesischen Inseln zu den stärker gefährdeten zählen könnte – je nach Szenario wäre schon bei einem moderaten Anstieg mit dem Verlust von Salzwiesen und Teilen des Nordstrands zu rechnen.

Reagiert wird vor allem mit natürlichem Küstenschutz: Erst kürzlich wurden die Süderdünen vor dem Zeltplatz mit rund 80.000 Kubikmetern Sand verstärkt, der eigens aus einer nahegelegenen Rinne herangeschifft wurde – nötig, weil der natürliche Sandnachschub inzwischen nicht mehr ausreicht, um das auszugleichen, was Sturmfluten wegspülen. Niedersachsens Umweltminister sprach bei einem Inselbesuch von einer "Daueraufgabe", die angesichts der Klimakrise eher mehr als weniger Anstrengung brauchen werde. Forschungsteams mehrerer Universitäten untersuchen inzwischen sogar, wie sich die Dünenvegetation selbst gezielter für den Küstenschutz nutzen lässt – Spiekeroog dient dabei, gerade weil es so naturbelassen ist, quasi als Freilandlabor.

Was sonst noch so geschah
Ein bekannter Kabarettist war mit seinem dreijährigen Sohn und seiner Lebensgefährtin zu Gast im Hotel. Alle drei sehr nette Menschen – aber auch spürbar daran gewöhnt, einen Sonderstatus zu genießen. Er trank nicht den normalen Cappuccino aus unserem Kaffeevollautomaten wie alle anderen Gäste, sondern seiner musste zusätzlich 15 Sekunden in der Mikrowelle erhitzt werden, weil er ihm sonst nicht heiß genug war. Außerdem erschien er jeden Tag pünktlich zu unserer halben Stunde Mittagspause, sah uns dort sitzen und essen – und erwartete trotzdem seinen Sonder-Cappuccino. Weil er dabei aber immer freundlich blieb (und ich seine Ansichten teile ;-), hat er ihn auch jedes Mal bekommen.

Und damit schließt sich der Kreis: vom ersten Blick auf die Dünen bis zum letzten Cappuccino-Drama. Danke, dass ihr dabei wart.

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